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Die Heimkehr der Soldaten nach Châteauroux, Die unglaubliche Geschichte des Tambours Erich Stöcker, Die zwei Leben des Emil S., Filmmatinee im Bambikino, Malwettbewerb, Vortrag von Dr. Arndt Weinrich


Zusammenfassung des Vortrags von Dr. Arndt Weinrich im

Stadtmuseum Gütersloh am 8. April 2014 zum Thema: „August 1914.

Gütersloh und Châteauroux ziehen in den Krieg“
 

Zwei Länder, zwei Städte, ein Krieg, der jeden Tag circa 1.300 Deutschen und 830 Franzosen das Leben kostete. Doch nicht der Verlauf des Krieges, sondern die ersten Tage und Wochen nach Kriegsbeginn standen im Mittelpunkt des Vortrages von Dr. Arndt Weinrich, Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Fachgebiet Zeitgeschichte am Deutschen Historischen Institut in Paris. Am Beispiel der Städte Gütersloh und Châteauroux spürte der Referent die Komplexität der Wahrnehmungen und Erfahrungen des Kriegseintritts näher nach und zeigte anhand von Auszügen aus der Lokalpresse und ausgewählten Tagebüchern die prägenden Erfahrungen der ersten Kriegswochen bis Ende August 1914 auf.
 
Beide Städte waren mittelgroße Provinzstädte (Gütersloh 18.000 Einwohner, Châteauroux 26.000 Einwohner) und konfessionell einheitlich geprägt, Gütersloh protestantisch, Châteauroux katholisch. Beide lagen nicht im Front- beziehunsgweise Aufmarschgebiet und blieben vom Krieg verschont. Châteauroux war Garnisonstadt, in Gütersloh waren die militärischen Vereine fest im Gesellschaftsleben verankert. Deutsche und Franzosen lebten am Vorabend des Krieges in hochgradig militarisierten Gesellschaften.
 
Trotz einiger zurückliegender Krisen kam der Kriegsausbruch für die meisten Zeitgenossen überraschend. Das tödliche Attentat auf den österreichisch-ungarischen Thronfolger am 28. Juni 1914 wurde noch als spektakuläres Ereignis wahrgenommen. Mit der Kriegserklärung Österreich-Ungarns an Serbien am 28. Juli 1914 änderte sich dann schlagartig die Wahrnehmung der Bedrohungslage. Anhand der Quellen konnte jedoch eine ausgesprochene Kriegsbegeisterung keinesfalls belegt werden. Allerdings wuchs die Anspannung der Menschen enorm, Panik und Zuversicht kennzeichneten das Klima in der Bevölkerung beider Städte. Angst und Sorge auf der einen, die Bereitschaft, die Pflicht zu tun, auf der anderen Seite kennzeichneten die Stimmung auf beiden Seiten.
 
Dem Mythos der Kriegsbegeisterung zum Zeitpunkt der Mobilmachung stellte der Referent eine nachweisbare Mobilisierungs-Euphorie gegenüber. Die zügigen Einberufungen und die nicht enden wollenden Eisenbahntransporte von Truppen, Material, Verpflegung und Munition faszinierte und begeisterte die Menschen. Innerhalb weniger Tage wurden 7 Millionen Deutsche und Franzosen einberufen, aufgerüstet und in Marsch gesetzt. Ein Spektakel, das die an der Bahnstrecke stehenden Gütersloher freudig beobachteten und zugleich siegessicher stimmte.
 
Als weiteren Aspekt stellte der Vortragende das wachsende Zusammenstehen der Nation angesichts der einschneidenden Ereignisse heraus. Die Gleichzeitigkeit des Erlebens ließ ein Gefühl von nationaler Einheit und Solidarität entstehen und stärkte die Identifikation mit Armee und Staat. Politische, konfessionelle und soziale Differenzen schienen aufgehoben zu sein. Das nicht mit der Kriegsbegeisterung zu verwechselnde Gefühl führte, so Weinrich, zu einer präzedenzlosen Selbstmobilisierung der Bevölkerung, die dem Staat zur Seite sprang und die Mobilmachung signifikant erleichterte. In Gütersloh war die Einrichtung einer städtischen Versorgungsstation auf dem Bahnhof ein Beispiel für die Mobilmachung von unten.
 
Die nichtmobilisierten Gütersloher und Castelroussin beteiligten sich in Bürgerwehren (Gardes Civils) und Einrichtungen des Roten Kreuzes. Freiwillige kontrollierten wichtige Kontrollpunkte in und außerhalb der Städte, vor allem aus Furcht vor Spionen.
 
Belege für Formen der Kriegsbegeisterung finden sich erst für die zweite Augusthälfte, als beide Seiten noch meinten, den Krieg schnell gewinnen zu können und erste Siegesnachrichten verbreitet wurden. In dieser Zeit entstanden auch die gängigen Feindbilder und eine „aggressive Kriegskultur“, die jede Form der Annäherung zunehmend erschwerte.
 
In der Rückschau ist festzustellen, dass sich im August 1914 die Gesellschaften Deutschlands und Frankreichs bzw. Güterslohs und Châteauroux’ von unten, das heißt selbstmotiviert, zu mobilisieren begannen und auf diese Weise einen langen und opferreichen Krieg einleiteten.

Dr. Arndt Weinrich

Der deutsche Historiker Dr. Arndt Weinrich gehört zu den Wissenschaftlern, die zur Zeit in Deutschland wie in Frankreich häufig zitiert werden, wenn es um die Einordnung des Ersten Weltkriegs in die Geschichte des 20. Jahrhunderts geht. Am Dienstag, 8. April, beleuchtete der wissenschaftliche Mitarbeiter des Deutschen Historischen Instituts in Paris das Thema „Gütersloh und Châteauroux im Ersten Weltkrieg“. Anlass war die Eröffnung der Ausstellung „Der große Krieg?“ im Gütersloher Stadtmuseum, ein gemeinsames Projekt der beiden Partnerstädte. 
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