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Die Heimkehr der Soldaten nach Châteauroux, Die unglaubliche Geschichte des Tambours Erich Stöcker, Die zwei Leben des Emil S., Filmmatinee im Bambikino, Malwettbewerb, Vortrag von Dr. Arndt Weinrich


Die unglaubliche Geschichte des Tambours Erich Stöcker …

ein beeindruckender Beitrag zum Rahmenprogramm der

Ausstellung zum Ersten Weltkrieg

 
Die ganze Absurdität des Krieges spiegelt sich nicht selten in Einzelschicksalen wider. Aber auch in der Rubrik „Erlebte Geschichte“ dürfte die von Emil Stöcker aus Haspe, heute ein Ortsteil von Hagen, eine Sonderstellung einnehmen. Erzählt hat sie sein Enkel Rainer Stöcker, er selbst Jahrgang 1951, am Donnerstag im Rahmen des Begleitprogramms zur Ausstellung „Der große Krieg?“ im Stadtmuseum, die von den Partnerstädten Gütersloh und Châteauroux gemeinsam organisiert wurde.
 
„Die zwei Leben des Erich S.“ ist das Buch betitelt, dass Stöcker – Geschichtslehrer und Autor aus Hagen – über das Schicksal seines Großvaters im Ersten Weltkrieg geschrieben hat. Der Titel ist wörtlich zu nehmen. Eine Todesanzeige in der Lokalzeitung vom 2. März 1915 würdigt den „Tambour Emil Stöcker“ als gefallenen Helden „für das Vaterland“, getötet durch einen „Kopfschuss im Gefecht bei Kalussen“. Zu dieser Zeit war der 23jährige aber bereits auf dem Weg in ein Gefangenenlager im ostsibirischen Chabaraowsk, wo er die nächsten drei Jahre verbrachte. Zu Weihnachten schickte er seinen Eltern eine Postkarte mit Festgrüßen und einer gezeichneten Ansicht des Lagers. In den Wirren der russischen Revolution schlug er sich 1917 mit einem Kameraden durch 12 000 Kilometer russisches Gebiet zurück nach Deutschland, wo er fast übergangslos wieder an der Westfront eingesetzt wurde. Dort erlebte er den Einsatz von Gas, Angriffen mit Tanks und Granatenhageln. 1918 erreichte die Eltern eine erneute Vermisstenanzeige,  jetzt war Emil Stöcker in französische Gefangenschaft geraten.
 
„Mein Großvater hat sehr wenig über diese Erlebnisse gesprochen,“ erinnert sich Rainer Stöcker, der den Abend im Stadtmuseum vor seinen hochkonzentrierten Zuhörern weniger als Lesung sondern als Erzähler aufbaut. Im Zentrum steht dabei eine kleine metallene Zigarettenbox, in der neben der besagten Todesanzeige auch unbeschriftete Fotos, die eindeutig dem Lagerleben in Russland zuzuordnen sind, die Zeit überdauert haben. Anhand dieser wenigen Quellen hat Enkel Rainer akribische Recherchearbeit  auf der Spur seines Großvaters geleistet. Und ihm ist es gelungen, einen Lebensabschnitt zu rekonstruieren, der eine ganze Generation prägte, der im Grunde aber so grausam und unvorstellbar war, dass wohl auch Emil Stöcker später nichts mehr davon erzählen wollte.  Rainer Stöcker ist – fast 100 Jahre später – zu den Orten gefahren, an denen sein Großvater gestrandet ist und hat dort Stück für Stück seine Geschichte wie aus Puzzleteilchen zu einem Ganzen zusammengefügt. Chabarowsk ist heute eine 600.000-Einwohner-Stadt, während es sich bei der in der Todesanzeige genannten Schlacht um Kalussen offenbar um die Einnahme von ein paar Häusern in dörflicher Landschaft gehandelt haben muss. So entfaltet sich die Geschichte von Emil Stöcker auf zwei Ebenen, denn die Fahndung nach den Details, die hinter den namenlosen Quellen stehen, ist nicht minder eindrucksvoll als die Fakten selbst.
 
Es mag ähnliche Geschichten geben, solche, die niemals erzählt wurden, Quellen, die vernichtet wurden, weil man verdrängen wollte und weil ein zweiter Krieg innerhalb von 25 Jahren die Grausamkeit des ersten noch einmal überwucherte. Die Geschichte von „Emil S.“ ist eine, die Menschen erreicht und berührt.  Weil sie unvorstellbar ist. Und weil sie wahr ist.


 
Rainer Stöcker, „Die zwei Leben des Erich S.“, Spurensuche im Ersten Weltkrieg,
Röhrig Universitätsverlag, St. Ingbert 2013.
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